Arnulf Keese ist einer der Keynote Speaker auf dem diesjährigen CIBI Innovationstag am 16. März in München. Herr Keese war fast 10 Jahre lang Geschäftsführer der PayPal Deutschland GmbH, bevor er im August letzten Jahres General Partner beim Investor e.ventures wurde. Das folgende Interview beschäftigt sich mit seinem Vortragsthema "Venture Capital im FinTech-Bereich – Wer investiert in was und warum?":

Wie stehen deutsche FinTechs im weltweiten Vergleich da?
Ich denke, Europa und gerade Deutschland ist sehr gut aufgestellt. Payment und Banking sind aufgrund flächendeckender Infrastrukturen hoch effizient. Darauf aufbauend können neue Ideen und Geschäftsmodelle realisiert werden. Gleichzeitig haben wir in Europa und insbesondere Deutschland eine gut entwickelte Startup-Szene, einfallsreiche Gründer, talentierte und gut ausgebildete Mitarbeiter – und mittlerweile ausreichend Wagniskapital. Insgesamt haben wir damit alle Zutaten eines erfolgreichen Startup-Ökosystems zusammen – was man auch bereits in Berlin und anderswo an erfolgreichen Gründungen ablesen kann. Darüber hinaus hat die EU in den letzten Jahren eine Reihe von Regulierungen verabschiedet, wie z. B. die PSD2, über die Banken Schnittstellen für Drittanbieter zur Verfügung stellen müssen. Somit wird der Markt geöffnet, der Wettbewerb gefördert und ein Level "Playing Field" für Startups geschaffen.

Welche Faktoren haben in der Vergangenheit dazu beigetragen, dass es so viele FinTechs gibt?
Einerseits gibt es noch viel Potential, dem Kunden Probleme abzunehmen und benutzerfreundliche Produkte anzubieten – auf der anderen Seite finden wir immer mehr Talent, Entrepreneurship, Venture Capital und ausgezeichnete Gründer in Europa und Deutschland. All das zusammen verbunden mit hoher Lebensqualität bei vertretbaren Kosten treibt die Entwicklung des Startup-Standortes Deutschland. Und in die vielversprechendsten Unternehmen investieren wir als e.ventures seit über 15 Jahren in Europa und USA, aber auch in Asien und Lateinamerika. Damit sind wir einer der wenigen international aufgestellten Venture Fonds aus Europa. Die Unternehmen aus unserem Portfolio wie Sonos und NGINX sowie FinTechs wie Exporo und DepositSolutions sprechen, denke ich, für sich.

Ist die Regulierung eine Bremse oder ein Motor dieser Szene in Deutschland?
Regulierung wirkt immer erst einmal bremsend, da Märkte zu kontrollieren und Rahmenbedingungen vorzugeben sind. Und Deutschland ist sicherlich einer der stärker regulierten Märkte, da Konsumenten- und Datenschutz uns gesellschaftlich sehr wichtig sind. Gleichzeitig aber sehen wir derzeit Regulierungen wie die PSD2, die die Märkte für neue Anbieter öffnen und damit auch neue Chancen schaffen. Insgesamt sind die Regulatoren heutzutage offener für technologische Entwicklungen und neue Geschäftsmodelle geworden, was zu begrüßen ist. Teilweise wird aber auch zu viel die Umsetzung im Detail vorgegeben – was dann mit technischen Möglichkeiten und Bedienbarkeit kollidieren kann. Ich denke daher, eine Regulierung sollte ein Ziel definieren und nicht den Weg dorthin vorschreiben.

Sollten FinTechs mit Banken konkurrieren oder kooperieren?
Sowohl als auch, denn es geht darum, mit guten Ideen Probleme der Kunden zu lösen. Das kann im Prinzip jede Bank und jedes Startup – aber nicht alle können alles gleich gut. Die Banken können mit ihrer soliden Infrastruktur beitragen, die Startups mit ihrer Kreativität und Agilität in der Umsetzung. Und am Ende gewinnt, wer Kundenprobleme löst – und dabei werden wir sowohl Wettbewerb wie auch Kooperationen sehen. In den FinTech-Anfängen der letzten Jahre gab es weniger Kooperation, zumal auch einige Banken noch davon auszugehen schienen, dass der Kelch der digitalen Transformation an ihnen vorbei gehen könne. Inzwischen sehen wir mehr Pragmatismus und dadurch zunehmend auch Symbiosen.

Wird es in Zukunft noch FinTechs geben, oder schaffen es die Banken, ebenso schnell und innovativ zu agieren?
Es wird beides geben: neue FinTechs und etablierte Banken – aber es werden nur die Erfolg haben, die agil und kundenorientiert handeln und sich ihren Teil der Wertschöpfungskette verdienen, die im Rahmen der Digitalisierung umverteilt wird. Die Chancen der Startups stecken in der Umverteilung der Wertschöpfung auf kundennähere Angebote, die Chance der Banken steckt im Momentum des bestehenden Geschäfts. Die Herausforderung für die Startups ist, genügend Transaktion zu erreichen und ein Geschäftsmodell zu etablieren. Die Herausforderung der Banken ist, eine Innovationskultur zu schaffen, um sich selbst und ihre Paradigmen in Frage zu stellen, um das bestehende Geschäft behalten und sich gleichzeitig digital weiterentwickeln zu können. Beide Seiten können nicht genügend Respekt vor den Fähigkeiten des jeweils Anderen haben. Und außer Frage steht, dass die Wertschöpfungskette neu besetzt und umverteilt werden wird und alle im Markt sich den Kunden jeden Tag neu verdienen müssen.

Herr Keese, wir bedanken uns für das Interview und sind schon sehr gespannt auf Ihren Vortrag auf dem CIBI Innovationstag!

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