Im Gespräch mit Walter Schmölzer, CEO vom neuen ibi-Partnerunternehmen Unifits, haben wir beleuchtet, welchen Stellenwert das Testen im modernen Zahlungsverkehr einnimmt. Er ordnet ein, warum ISO 20022 mit Abschluss der Migration keineswegs erledigt ist, wo in der Praxis die gravierendsten Fehler entstehen und welchen Beitrag Künstliche Intelligenz realistischerweise leisten kann.
ibi research: Herr Schmölzer, warum ist das Testen im Zahlungsverkehr heute anspruchsvoller als noch vor wenigen Jahren?
Walter Schmölzer: Hier wirken mehrere Entwicklungen zusammen. ISO 20022 ermöglicht die Übermittlung umfangreicherer und stärker strukturierter Informationen. Damit steigen die Anforderungen an Datenqualität, Regelprüfung und Testabdeckung. Zudem durchläuft eine Zahlung heute ein komplexes Ökosystem aus verschiedenen Systemen und Clearingverfahren mit jeweils eigenen Anforderungen. Diese Regelwerke von Swift, dem EPC und anderen Initiativen unterliegen zudem fortlaufenden Anpassungen. Die Funktionsfähigkeit der Systeme muss daher bei jeder relevanten Regelwerksänderung erneut überprüft werden.
Hinzu kommt der Wandel hin zur 24/7-Echtzeitverarbeitung. Während frühere Batch-Verfahren oft noch Zeit boten, Fehler ohne unmittelbare Kundenauswirkungen zu beheben, gibt es diesen Puffer heute so nicht mehr.
ibi research: Die ISO 20022 Migration gilt als weitgehend abgeschlossen. Ist das Thema für die Institute damit erledigt?
Walter Schmölzer: Technisch ist der Übergang in wesentlichen Bereichen vollzogen, inhaltlich ist die Arbeit damit jedoch keineswegs abgeschlossen. Während der Koexistenzphase haben zahlreiche Institute auf pragmatische Zwischenlösungen gesetzt: Daten wurden aus Altformaten übernommen, Felder gekürzt und Informationen unstrukturiert weitergereicht. Viele dieser Übergangslösungen funktionieren heute noch, stoßen mit den strengeren Anforderungen an strukturierte Daten aber zunehmend an ihre Grenzen.
Exemplarisch zeigt sich das bei den Adressinformationen: Im grenzüberschreitenden Zahlungsverkehr gelten zunehmend strengere Vorgaben für deren strukturierte beziehungsweise hybride Übermittlung. Wenn die eigenen Stammdaten diesen Vorgaben nicht genügen, riskiert man abgelehnte Transaktionen. Der volle Mehrwert von ISO 20022 wird sich ohnehin erst entfalten, wenn Transaktionsdaten tatsächlich durchgängig strukturiert und vollständig vorliegen.
ibi research: Wo sehen Sie in der täglichen Praxis die größten Fehlerquellen im modernen Zahlungsverkehr?
Walter Schmölzer: Fehlerquelle Nummer eins ist das Missverständnis zwischen technischer Validität und fachlicher Richtigkeit. Eine erfolgreiche XML-Schema-Validierung bestätigt zunächst, dass eine Nachricht den definierten strukturellen und technischen Vorgaben entspricht. Ob sie darüber hinaus sämtliche fachlichen Regeln und die in den Usage Guidelines festgelegten Abhängigkeiten zwischen Datenfeldern und Transaktionen einhält, ist damit nicht sichergestellt. Eine valide Nachricht ist eben noch keine korrekte Zahlung.
Eine zweite große Fehlerquelle sind Systemübergänge. Sobald eine Zahlung durch verschiedene Stationen transformiert wird, droht Informationsverlust. Das können abgeschnittene Felder, ersetzte Sonderzeichen oder verloren gegangene End-to-End-Referenzen sein. Eine Zahlung kann also technisch korrekt aufgebaut sein und dennoch auf ihrem Weg zum Empfänger Probleme verursachen. Besonders problematisch ist, dass Fehler häufig erst am Ende der Kette beim Empfänger sichtbar werden, oder nur in Ausnahmefällen, die in Tests viel zu selten durchgespielt werden.
ibi research: Gerade solche durchgängigen Tests gelten als aufwendig. Woran scheitern sie am häufigsten?
Walter Schmölzer: Die wesentlichen Herausforderungen für durchgängige Tests mit verantwortungsvoller Testabdeckung sind einerseits die Verfügbarkeit von Gegenparteien und andererseits die Qualität der eingesetzten Testdaten.
Testumgebungen von Clearinghäusern oder Partnerbanken stehen üblicherweise nur in begrenzten Zeitfenstern bereit. Hinzu kommt, dass aufgrund des erheblichen Abstimmungsaufwands häufig nur eine begrenzte Anzahl von Testszenarien gemeinsam durchgespielt werden kann. Für viele funktionale Tests ist es deshalb effizienter, Clearing-Systeme und Gegenparteien realitätsnah zu simulieren und so auch komplexe Szenarien unabhängig von externen Testfenstern wiederholt prüfen zu können. Erforderliche Integrations- und Abnahmetests mit den tatsächlichen Teilnehmern müssen davon natürlich unberührt bleiben.
Bei den Testdaten beobachten wir nach wie vor den Rückgriff auf Kopien aus der Produktion. Das ist ohne geeignete Datenschutzmaßnahmen hochproblematisch und fachlich oft wenig ergiebig, da Produktionsdaten seltene Fehler- und Ausnahmefälle nicht gezielt abbilden. Gerade diese Ausnahmen sind aber häufig sehr erkenntnisreich: Rückläufer, abweichende Zeichensätze, Grenzwerte oder zeitliche Abhängigkeiten. Synthetische Testdaten lassen sich gezielt so konzipieren, dass sie diese Konstellationen abdecken. Damit lassen sich nicht nur Risiken frühzeitig erkennen, sondern auch Testzyklen verkürzen und die Abhängigkeit von externen Testpartnern reduzieren.
ibi research: Welche Rolle kommt Künstlicher Intelligenz beim Testen zu?
Walter Schmölzer: Eine zunehmend bedeutende, aber klar abgegrenzte. Ihre Stärken liegen in der Unterstützung bei der Analyse von Spezifikationen, der Ableitung von Testbedingungen und Testfällen sowie der Auswertung umfangreicher Protokolle. Gerade Teams, die nicht jedes Detail eines Standards präsent haben, können dadurch erheblich an Effizienz gewinnen.
Entscheidend ist allerdings, zwischen der KI-gestützten Erstellung von Testartefakten und ihrer fachlichen Qualitätssicherung zu unterscheiden. Das Urteil über die Korrektheit einer Nachricht oder eines Zahlungsprozesses muss nachvollziehbar und reproduzierbar bleiben. Im Zahlungsverkehr ist eine bloße Wahrscheinlichkeitsaussage keine ausreichende Grundlage für einen Go-live. KI verstehe ich daher als wertvolle Unterstützung bei der Entwicklung und Analyse, nicht als Ersatz für fachlich geprüfte Regeln und deterministische Testergebnisse.
ibi research: Was empfehlen Sie Banken im Umgang mit den wachsenden Testanforderungen?
Walter Schmölzer: Banken sollten Testen nicht länger als einmalige Projektphase vor einem Go-live betrachten, sondern als kontinuierlichen Bestandteil ihres Zahlungsverkehrsbetriebs. Dafür braucht es einen belastbaren Bestand automatisierter Regressionstests, der bei jeder relevanten Änderung ohne nennenswerten Aufwand zum Einsatz kommt.
Gleichzeitig sollten Banken hinterfragen, ob wirklich alle Testanforderungen immer wieder selbst umgesetzt werden müssen. Ein großer Teil der schemespezifischen Anforderungen ist für alle angeschlossenen Institute identisch und bietet damit kaum Möglichkeiten, sich im Wettbewerb zu differenzieren. Hier liegt erhebliches Potenzial für Standardisierung und die gemeinsame Nutzung bereits entwickelter und gepflegter Testinhalte.
Bei Unifits verfolgen wir genau diesen Ansatz: Mit unserer Test Engine stellen wir zentral gepflegte, direkt ausführbare Testfälle für neue Scheme-Versionen bereit. Banken können dadurch wiederkehrende Aufwände reduzieren und ihre eigenen Spezialisten gezielt dort einsetzen, wo bankspezifisches Know-how den Unterschied macht.
Mein Rat lautet deshalb: Weg vom reaktiven Testen unter Zeitdruck, hin zu einer kontinuierlichen, weitgehend automatisierten Qualitätssicherung. Die regelmäßigen Standardänderungen gehören fest in die Planung und sollten nicht jedes Mal aufs Neue umfangreiche Testprojekte auslösen. Institute, die diesen Weg konsequent verfolgen, gewinnen nicht nur an Stabilität, sondern bringen Neuerungen auch deutlich schneller in den Markt.
Herr Schmölzer, herzlichen Dank für das Interview! Wir freuen uns auf die gemeinsame Zusammenarbeit im Rahmen der ibi-Partnerschaft.