Boris Strucken: „Die Bankenbranche ist wieder einmal in einem fundamentalen Umbruch“

Im Rahmen der ibi Banking Insights 2026 haben wir Boris Strucken, Head of Banking Germany bei Fidelity Information Services GmbH (FIS), zu den zentralen Ergebnissen der Studie befragt. Im Interview gibt er seine persönliche Einschätzung zu den aktuellen Entwicklungen in der Bankenbranche und ordnet Themen wie Wettbewerbsintensivierung, Kostendruck, Modernisierung, Kundenerlebnis und Agentic AI ein.

ibi research: Was sind für Sie die generellen Erkenntnisse der ibi Banking Insights 2026 und welche Ergebnisse haben Sie am meisten überrascht?

Boris Strucken: Trotz der anhaltenden Wirtschaftskrise ist die Zuversicht für die Geschäftsentwicklung beeindruckend. Der Widerspruch zwischen Investitionsbereitschaft und steigendem Kostendruck ist ein Dilemma, was sich dann in der Priorisierung der Themen wiederfindet. Erwartungsgemäß ist die Regulatorik gesetzt ebenso die Modernisierung der IT-Landschaft, d. h. diese Muss-Anforderungen verbrauchen einen Großteil des IT-Budgets und somit wird die betonte Wichtigkeit des Kundenerlebnisses logisch zurückgestellt. Dieses Dilemma wird noch weiter betont, wenn die Stärke von neuen Konkurrenten bewusst ist und die Bedeutung von Vendoren auch klar erkannt ist. Trotz der positiven Aussagen zur Entwicklung und dem Verständnis von Innovation plus Kundenerlebnis ist die Gefahr, dass ein „weiter-so“ in Gange ist. Wenn die Wettbewerber dann schmerzhaft signifikante Marktanteile gewinnen, könnte das „weiter-so“ in eine andere Richtung kippen, um dem Einhalt zu gebieten. Die Rolle von KI ist dabei sicherlich interessant zu beobachten, ob die hohen Erwartungen der Realität entsprechen werden. Die Bedeutung des notwendigen Datenuniversums wird dabei unterschätzt, ebenso Datensicherheit und Vertraulichkeit.

ibi research: Ein großes Thema in Banken ist nach wie vor das Spannungsfeld Kos-tendruck versus Modernisierungsbedarf versus Investitionsbereit-schaft. Wie bewerten Sie hierzu die Studienergebnisse?

Boris Strucken: Der Kostendruck wird dazu führen, dass die Budgets gleichbleiben oder sogar schrumpfen werden. Daraus kann leicht abgeleitet werden, dass eine natürliche Priorisierung stattfinden wird. Zuerst Regulatorik, Stabilität und Sicherheit, wobei letzteres in die Modernisierung einzahlt. Jedoch wird dann trotz des Wissens um die Notwendigkeit von Innovation und Kundenerlebnis zu wenig Budget verfügbar bleiben. Das ist die letzten Jahre ebenso beobachtbar im deutschen Banken Technologie-Markt. Ob dann der KI-Hype zusätzliches Budget bekommt oder im knappen Budget-Topf darum konkurriert, wird interessant zu beobachten zu sein. Die Studienergebnisse spiegeln somit meine Wahrnehmung und Erkenntnisse voll und ganz wider.

ibi research: Teilen Sie die Einschätzung, dass in der Bankenbranche mittelfristig eine deutliche Wettbewerbsintensivierung und fortschreitende Kon-solidierung zu erwarten sind?

Boris Strucken: Die Wettbewerbsintensivierung und fortschreitende Konsolidierung sind schon voll am Laufen. Die Markteintritte von z. B. BBVA oder Chase drücken noch einmal auf das Tempo, das von Revolut erzeugt wurde. Zu unterscheiden ist dann zwischen einmaligen sogenannten „Lockangeboten“ und wirtschaftlichen Konditionen, welche die Marktteilnehmer durch die neuen Wettbewerber dauerhaft unter Druck setzen. Die Konsolidierung findet nicht nur auf Bankenseite statt, wobei VR-Banken und Sparkassen hier natürlich im Fokus stehen. Auch die Übernahmeschlacht um die Commerzbank zeigt, wie prominent der Konsolidierungsdruck ist. Ebenso findet dieser auf Seiten der Vendoren statt, die wie Banken erheblich zugleich in Regulatorik, Stabilität, Sicherheit, Modernisierung, Innovation und Kundenerlebnis investieren müssen. Diesen finanziellen Spagat schaffen dann nur noch große Anbieter, die über Skaleneffekte das hinbekommen. Neben der Konsolidierung von mittelständischen lokalen Anbietern ist aber auch der Exit von einigen prominenten, namhaften globalen IT-Dienstleistern im deutschen Finanz-Technologie-Markt zu beobachten.

ibi research: Wenn es um die einflussreichsten Wettbewerbsfaktoren geht, stehen Kundenerlebnis, Innovationsfähigkeit und Technologie ganz oben. Wie sehen Sie die deutschen Banken diesbezüglich aufgestellt?

Boris Strucken: Dies hängt offensichtlich sehr stark von der Finanzkraft der einzelnen Institute und somit auch ihrer Größe ab. So können die großen und namhaften Banken stärker investieren und individuell agieren als kleinere Institute, die auch typischerweise über die Rechenzentrumsanbieter auf Standardlösungen angewiesen sind. Spannend ist dann die berühmte Mittelschicht der Tier2 bis Tier4Banken, die zwischen Standardisierung und Individualität schwanken. Hier zeigt sich das Spannungsfeld am deutlichsten, wie der Wettbewerb mitgegangen werden kann. Die deutschen Banken kämpfen mit der Bürde der stärkeren Regulatorik verglichen mit anderen Ländern. Jedoch trifft dies auch auf die neuen Wettbewerber zu, die schneller in den Fokus der Aufsicht rücken. Insgesamt ist noch einiges Potenzial nach oben, jedoch ist die gesunde Startbasis gegeben, noch zumindest, was sich bei dem Tempo der Veränderungen bald ändern könnte. Das heißt die gesunde Startbasis kann dann schon bald ins Hintertreffen geraten, insbesondere wenn die Modernisierung nicht Schritt hält.

ibi research: Wird Agentic AI zu einem fundamentalen Gamechanger im Banking werden?

Boris Strucken: Das ist natürlich die Frage aller Fragen, die nur die berühmte Glaskugel beantworten kann. Natürlich ist das Potenzial riesig und die Möglichkeiten erscheinen unbegrenzt. Die entscheidende Frage ist dabei, welche Autonomie der KI gegeben werden soll. Die KI ist ein stochastisches und nichtdeterministisches Modell. Das bedeutet, es hängt von der Datenbasis ab, ansonsten ist die Gefahr von Fehlern als sogenannte Halluzinationen zu groß. Wer nimmt das Risiko in Kauf für unwahrscheinliche jedoch mögliche negative Auswirkungen? Die Themen Sicherheit mit Autorisierung, Steuerung und Nachvollziehbarkeit zeigen sich schnell, wenn von vielversprechenden Prototypen der Produktiv-Einsatz vor der Türe steht. Schon heute gibt es Workflows, Automatisierung und Orchestrierung. Das Dilemma ist hierbei nicht die KI, sondern der klassische abgebildete Prozess. Wenn der Prozess stabil und anerkannt ist, ist wahrscheinlich der KI-Einsatz vergleichbar wie mit Kanonen auf Spatzen zu schießen. Wenn jedoch die Komplexität hoch ist, ist die spannende Frage, wer das Ergebnis – vorher – beurteilen kann, damit es nachher keine bösen Überraschungen gibt.

Welche zentralen Schlussfolgerungen ziehen Sie aus den Ergebnissen der ibi Banking Insights 2026 für die nächsten Jahre?

Die Branche hat definitiv die spannenden Zeiten des Umbruchs erkannt und reagiert darauf. Die entscheidende Frage ist jedoch, wie kann aus dem Dilemma von nicht wachsenden Budgets aufgrund des Kostendrucks in alle Bereiche gleichermaßen eingezahlt werden, ohne dass die natürliche Priorisierung von Regulatorik, Stabilität und Sicherheit den Budget-Topf verschlingt. Die Frage von Individualität versus Standardisierung bedarf eines weiteren „Deep-Dives“ ebenso das Zusammenspiel von Vendoren mit Banken. Auch ist das erkannte Potenzial von Agentic AI eines der zentralen Themen, wie die Umsetzung hier mit der Fülle der Herausforderungen umgeht. Insgesamt ist die Bankenbranche wieder einmal in einem fundamentalen Umbruch, erkennt diesen jedoch im Gegensatz zu anderen Industrien und kann sogar darauf reagieren. Der Druck von Wettbewerbern ist sicherlich ein Katalysator und kann bei einem zukünftigen Wirtschaftswachstum dafür sorgen, dass der sogenannte „Gordische Knoten“ platzt und dann der Kunde den Mittelpunkt bekommt, den er verdient. Das heißt, das digitale Kundenerlebnis erhält den Stellenwert nicht nur auf dem Papier, sondern auch in der Umsetzung.

Herr Strucken, herzlichen Dank für das Interview! Die vollständige Studie „ibi Banking Insights 2026“ steht kostenlos zum Download zur Verfügung unter: www.ibi.de/banking-insights-2026


13.08.2026